Ev.-Luth. Kirchengemeinde St. Johannis auf Föhr
... so weit der Himmel ist ...

Die aktuelle Predigt

Hier finden Sie in der Regel die Predigten der letzten beiden Sonntage. Weitere Predigten finden Sie hier.

Gott schenkt euch sein Vertrauen
Konfirmation am "Hirtensonntag" - Kirsten Hoffmann-Busch & Philipp Busch

I. Vertrauen ist der Anfang von allem. Zum Beispiel von dem, was heute in zehn Jahren sein wird.
Wer weiß, was dann sein wird. Mit euch Konfirmandinnen und Konfirmanden. Mit uns. Eines ist sicher: Ihr seid dann zehn Jahre älter. Also Mitte zwanzig.
Wo ihr dann wohl sein werdet, haben wir beim vorletzten Konfer ein paar von euch gefragt. Diejenigen, die ihre Kerzen schon fertig gebastelt hatten.
Für uns war das spannend, euch zuzuhören. Die einen wissen schon sehr genau, was kommen soll. Die Lehre nach der Schule. Auf der Insel bleiben.
Die anderen haben eine ungefähre Idee. Aufs Festland gehen. Durch die Welt reisen. Studieren in der großen Stadt.
Was auch immer kommt. Und wie es auch wirklich wird: Heute macht ihr den ersten Schritt in diese Richtung. Mit Gottes Segen.

II. Vertrauen ist der Anfang von allem. Der Gelähmte, der nicht mehr gelähmt ist, macht auch einen Schritt. Unsicher erst, überrascht dann, schließlich klemmt er sich die Matte unter den Arm und geht seinen Weg.
Aaron habt ihr ihn genannt für euren Gottesdienst, den ihr im März hier gefeiert habt. Aaron, der Mann, der das Laufen lernt. Den andere tragen, als er selber nicht laufen kann. Dem Jesus das Laufen beibringt.
Wo mag er in zehn Jahren sein? In eurem Gottesdienst kehrte er zu seiner Familie zurück. Die war glücklich, ihn wieder bei sich zu haben. Und vor allem: Zu sehen, dass er läuft.
Und Aaron fiel siedend heiß ein, was er ganz vergessen hatte:  Sich bei Jesus zu bedanken.
Er war einfach losgelaufen in das, was sein neues Leben werden sollte.
Wie wird es da wohl zehn Jahre später sein? Erinnert er sich noch an die Zeit, als er nicht laufen konnte? Und daran, wie Jesus ihn anschaute. Und wie er losging. Mit Gottes Segen.

III. Vertrauen ist der Anfang von allem. Wir wissen nicht, wie es in zehn Jahren sein wird. Auch nicht, woran wir uns erinnern werden, falls uns jemand dann auf Konföhr 18 anspricht.
Aber jetzt können wir uns noch erinnern. Zum Beispiel an die Konferfahrt und den Nachmittag, den wir im Dialog im Dunkeln verbrachten.
Wir beide waren jetzt zum fünften Mal in den Räumen. Und wäre es im Dunkeln hell, würden wir den Weg mit geschlossenen Augen finden, wie man so sagt.
Aber es ist ja dunkel dort drinnen und also helfen nicht einmal geöffnete Augen. Der Weg war auch beim fünften Mal für uns wieder unbekannt und überraschend.
Etwas, das hilft, sich im Dunkeln zurecht zu finden ist – Vertrauen. Auf das, was die Blindenführer sagen: Euch kann hier nichts geschehen.
Und auch Vertrauen auf die Stimme, die ruft: Hier bin ich, sagt sie, und dann gehen wir los in die Richtung.
Und vertrauen blind, dass es gut wird. Weil Segen darauf liegt.

IV. Vertrauen ist der Anfang von allem. Jesus sah, wie groß ihr Glaube war. Der Glaube der vier Männer, die den Gelähmten brachten. Vielleicht auch der Glaube von Aaron selber.
Liebe macht blind, heißt es. Mit dem Glauben ist das genauso: Der macht auch blind.
Nicht, weil er blinden Gehorsam fordert. Beim Glauben geht es nicht darum, nachzubeten und auswendig zu lernen, was  andere vorbeten und vorsagen.
Glauben meint Vertrauen. Und Vertrauen ist blind. Es tappt im Dunkeln. Unsicher, ob der, dem ich vertraue, es gut mit mir meint. Ich weiß es eben nicht, aber ich vertraue. Blind.
Die Männer, die Aaron zu Jesus bringen, machen das so. Sie wissen nichts und haben auch noch nichts gesehen. Aber sie haben gehört und sie vertrauen.
Was dann geschieht, ist verrückt: Aaron steht auf und nimmt seine Matte und geht.
Aber was zuvor geschieht, ist genauso verrückt: Die Männer vertrauen blind. Und erfahren: Da liegt Segen drauf.

V. Denn: Vertrauen ist der Anfang von allem. Damit haben auch wir angefangen. Jedes Mal, wenn Konfer war: Steine und Kerzen haben wir abgelegt und angezündet.
In den ersten Wochen waren es meistens Kerzen. Weil ihr euch aufs Wochenende freutet. Oder die Note in der Arbeit besser war, als befürchtet.
Dann wurden es manchmal viele Steine, die in der Mitte lagen. Oft wegen des Wetters. Weil Konfer war statt schneefrei.
Aber auch, weil sich eine um einen Menschen sorgte Oder traurig war. Oder einer Ärger hatte.
Das fanden wir besonders: Ihr habt vertraut, dass ihr das sagen konntet. Dass die anderen das wirklich hören und ernst nehmen und für sich behalten.
Und es waren ja nicht nur die Ohren von uns, die wir alle im Kreis saßen, die das hörten. Immer brannte die große Kerze in der Mitte. Immer war noch einer dabei.
Der Herr ist mein Hirte, haben wir gebetet. Und vertraut, dass er hört, was wir sagen, und sieht, was unser Herz bewegt.
Dein Stecken und Stab trösten mich: Was ich erlebt habe, wird nicht ungeschehen, wenn ich es Gott erzähle. Aber es ändert sich. Durch Gottes Segen.

VI. Vertrauen ist der Anfang von allem. Fragt sich nur noch, wo es herkommt, das Vertrauen.
Vielleicht haben sie zu Aaron immer wieder gesagt: Hab nur Vertrauen, du wirst gesund. Bald kannst du wieder laufen.
Aber  Aaron fand bei sich kein Vertrauen. Es steckte in keiner Schublade. Und auch nicht in seinem Herzen.
Da liehen ihm seine Freunde ihr Vertrauen. Was er selber nicht konnte, taten sie für ihn. Sie trugen ihn und liefen für ihn. Sie vertrauten für ihn: Das Leben meint es gut mit dir.
Und schenkt dir Vertrauen. Gott schenkt dir sein Vertrauen. Plötzlich war es da, war er da. Aaron sieht Jesus in die Augen und findet das Vertrauen, das ihm fehlte. Ein Segen.
Vertrauen ist ein Segen. Aaron erfährt das. Das Vertrauen, das Jesus ihm schenkt, hilft ihm auf die Beine. Und er nimmt seine Matte und geht nach Hause.
Konfirmation ist ein Segen. Gott schenkt euch sein Vertrauen. Damit ihr vertrauen könnt. Auf dem Weg, den ihr geht. Die nächsten zehn Jahre und darüber hinaus.
Und immer mit Gottes Segen. Denn Segen ist der Anfang von allem.

Das Leben tanzt Auferstehung - ein Osterdialog
Ostersonntag - Kirsten Hoffmann-Busch & Philipp Busch

Das Leben tanzt Auferstehung. So sieht das aus. Wie die Kinder eben in der Vierung.
  Wuselig. Durcheinander. Fröhlich.
  Etwas zögerlich vielleicht am Anfang.
  Wann tanzt man auch schon mal in der Kirche?
  Ostersonntag. Zum Beispiel. Wenn das Leben Auferstehung tanzt.
  Hallelu, Hallelu, Hallelu, Halleluja. Preiset den Herrn.
  Die Auferstehung bringt zum Tanzen.
  Ich frage mich: Wie sieht das im richtigen Leben aus? Wie bringt die Auferstehung da zum Tanzen?
  Vielleicht so, wie sie die Jünger zum Tanzen bringt: Petrus und Johannes, den anderen Jünger, den Jesus liebte.
  Naja. Die tanzen ja nicht. Die machen ein Wettrennen. Wer als erstes am Grab ist, hat gewonnen.
  Das sieht aber schon ein bisschen wie ein Tanz aus: Der eine läuft als erster los, der andere überholt, nur um dem einen dann wieder den Vortritt zu lassen.
  Aber tanzen hat doch etwas mit Freude zu tun. De beiden freuen sich nicht. Die fürchten sich und sind erschrocken.
  Wie bei einem Unglück: Ich muss hin und will nicht da sein. Es zu sehen ist mehr, als ich ertragen kann. Aber wegschauen oder gar wegbleiben, das kann ich auch nicht.
  Vielleicht gehört das zur Auferstehung hinzu: das Unglück, das Kreuz. Ohne Trauer kann ich nicht von Trost reden. Ohne Hass nicht von Liebe. Ohne Tod nicht von Auferstehung.
  Der Tod ist die Frage. Die Auferstehung die Antwort.
  Die meisten sagen das genau andersherum: Der Tod ist klar wie eine Antwort. Die Auferstehung aber offen wie eine Frage.
  Aber der Tod ist es doch, der alles infrage stellt. Den Weg, den Jesus geht. Das Leben, die Liebe. Worauf läuft das alles hinaus, wenn es ins Nichts läuft?
  Und die Auferstehung gibt die Antwort: Gott sagt Ja dazu. Zur Liebe, zum Leben, zum Weg, den Jesus geht. Das alles führt in die Auferstehung, das alles führt zu Gott.
  Johannes kam zum Glauben, heißt es. Der beginnt zu vertrauen, als er im leeren Grab vor den Leinenbinden steht. Darauf, dass Jesus eine Antwort kennt sogar auf den Tod.
  Aber wie die Antwort heißt, dass wissen Petrus und Johannes nicht. Die Auferstehung bringt sie noch nicht zum Tanzen. Sie gehen wieder zurück nach Hause. Sie gehen.
  Und Maria bleibt am Grab stehen und weint. Sie hat erst den Lebenden verloren und jetzt auch noch den Toten. Nichts mehr, woran sie sich in ihrer Trauer noch festhalten kann.
  Erst dann hat der Tod gewonnen, wenn ich nicht einmal mehr trauern kann. Trauer ist immer auch Protest gegen den Tod. Das sind wir ja: Protestleute gegen den Tod.
  Und doch macht die Trauer Maria auch blind. Sie dreht sich um und Jesus steht vor ihr und sie erkennt ihn nicht.
  Das ist die Macht, die der Tod haben kann: Er macht dich blind für das Leben. Er saugt alle Kraft auf wie ein schwarzes Loch. Du siehst und hörst nichts anderes mehr.
  Aber Jesus holt sie heraus aus diesem Loch. „Maria!“, sagt er. Und Maria dreht sich noch einmal um. Ein zweites Mal.
  Vielleicht hat sie sich zwischendurch wieder abgewandt und will gehen. Und wendet sich um, als sie ihren Namen hört.
  Oder sie dreht eine Pirouette, einmal um die eigene Achse.
  Auferstehung braucht das: Dass du dich umwendest. Einmal und noch einmal. Sonst erkennst du sie nicht.
  Oder Auferstehung schafft das: Dass sich für dich alles wendet und ändert.
  Auf alle Fälle ist es Jesus, der Maria zum Tanz auffordert. „Maria. Ich lebe. Und du sollst auch leben. Ich bin auferstanden. Und du sollst auch auferstehen.“
  Auferstehung bringt zum Tanzen. So sieht das bei Petrus und Johannes und Maria und Jesus aus. Und im richtigen Leben? Das war ja die Frage: Wie sieht es im richtigen Leben aus?
  Vielleicht wie in New Orleans.
  Bitte?
  Da gibt es doch diese Prozessionen zu Beerdigungen. Mit einer Jazzband. Mit einem Trauermarsch begleiten sie den Sarg mit dem Verstorbenen zum Grab.
  Stimmt. Und die Leute im Zug setzen im Rhythmus der Musik Schritt vor Schritt.
  Und wenn dann der Sarg in der Erde ist, ändert sich der Rhythmus. O when the saints go marching in.
  Ein Tanz wird daraus. Und die Menschen beginnen tatsächlich zu tanzen. Neben dem Grab, das noch offen ist.
  Stell dir vor: Eine Beisetzung auf unserem Friedhof. Und die Menschen tanzen.
  Das steht nun doch etwas gegen unsere Tradition. Und wohl auch gegen das Temperament. Aber es bringt beides zusammen: Bis zum Grab die Trauer über den Tod. Dann die Freude über die Auferstehung.
  So bringt Auferstehung zum Tanzen. Du wendest dich um und wechselst die Perspektive.
  Du siehst im Tod nicht mehr das Ende. Du siehst in ihm den Anfang.
  Die Auferstehung bringt das Leben zum Leuchten. Sie sagt Ja zu dem Leben, das vor dem Tod war. Weil es nach dem Tod zu etwas ganz anderem aufersteht.
  Und sie wendet dich um vom Grab: Du schaust nicht mehr auf den Tod und was er dir genommen hat. Du schaust auf die Auferstehung und das, was er dem anderen schenkt.
  Und für dich selber kannst du das auch hoffen. Keiner, der das Leben zunichte macht. Einer, der Ja zu deinem Leben sagt. Nimm sie ernst, die Auferstehung.
  Dabei ist die Auferstehung doch spielerisch leicht. Im Film „Die Blechtrommel“ gibt es diese schöne Szene: Oskar Matzerath setzt sich bei einem NSDAP-Aufmarsch unter die Tribüne.
  Ja. Und dann fängt er auf seiner Blechtrommel an zu trommeln. Und bringt so die Kapelle aus dem Rhythmus. Erst die Kinder, dann die Erwachsenen.
  Noch besser: Er verführt sie mit seinem Takt. Aus der Marschmusik wird nach und nach ein Wiener Walzer. Und am Ende marschieren sie nicht mehr, da tanzen sie alle.
  Nur ein einsamer NSDAP-Mann zeigt noch den Hitlergruß. Und dann löst sich alles in einem großen Regenguss auf.
  Das Ende der Marschmusik und der knallenden Stiefel. Das Leben tanzt Auferstehung.
  Man müsste sich mit so einer Blechtrommel unter die verbissenen Populisten und Extremisten mischen, die die Welt in „Wir gegen die Anderen“ und „die Anderen gegen Uns“ aufteilen.
  Gute Idee. Und dann trommelst du so lange, bis die einen die anderen und die anderen die einen zum Tanz auffordern.
  Alles Verbissene fällt von ihnen ab und sie hören auf, ihren Hass in die Welt zu bellen.
  Die Welt im Dreivierteltakt. Ein Fest für das Leben. Es tanzt Auferstehung.
  Ja. Mit der Auferstehung ist es wie mit dem Tanzen. Am Anfang bist du noch unsicher, wie das geht: Welcher Schritt kommt jetzt, wo ist nochmal der Takt?
  Und du trittst dem anderen auf den Fuß.
  Warum schaust du mich jetzt so an?
  Dann lernst du, dich dem Rhythmus zu überlassen. Dem Takt der Musik und den Bewegungen des anderen. Und dann fließt es.
  Wenn du dich so dem Leben überlassen kannst. Und dich so Gott anvertrauen kannst.
  Dann tanzt das Leben Auferstehung mit dir und du mit dem Leben.
  Sollten wir jetzt einen Tanz...?
  Wir üben lieber noch ein bisschen zuhause.

Unterm Kreuz
Karfreitag - Kirsten Hoffmann-Busch & Philipp Busch

I

Ich will hier bei dir stehen, / verachte mich doch nicht; / von dir will ich nicht gehen, / wenn dir dein Herze bricht; / wenn dein Haupt wird erblassen im letzten Todesstoß, alsdann will ich dich fassen in meinen Arm und Schoß.

Hier stehen wir und können nicht anders und schauen auf das Kreuz und hoffen, dass Gott uns hilft.
Jesus stirbt und wir schauen ihm dabei zu. Hilflos angesichts der Macht, die ihn dorthin gebracht hat. Dem Tod ausgeliefert, wie er es ist.

Auf der Suche nach Worten, die uns noch mehr trösten als ihn. Es heißt: Abschied ist leichter für die, die gehen, als für die, die bleiben.
Jesus wird sterben. Und mit ihm stirbt das Leben. Jesus wird sterben und Gott zieht aus der Welt aus.
Der Mensch bleibt allein, mit sich und seiner Finsternis. Gleich bleiben wir allein. Ohne Gott. Können wir nicht etwas tun, irgendetwas?
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II

Und Jesus schrie laut: »Vater, in deine Hände gebe ich mein Leben.« Nach diesen Worten starb er. (Lukas 23,46 - Basisbibel)

Jesus stirbt. Er stirbt allein. Er geht den Weg, auf dem wir ihn nicht begleiten können. Ob er uns verachtet? Jedenfalls braucht er uns nicht.

»Vater, in deine Hände gebe ich mein Leben.« Jesus braucht nur Gott. Der ist und bleibt auch im Sterben sein Vater. Wir können ihn nicht halten. Halt gibt ihm Gott.
Ihm ist er nahe. Es ist ja nicht Gott, der ihm das Leben nimmt, der ihn opfert.
Es sind die Menschen, die ihn dem Hass opfern und ihm das Leben nehmen wollen. Warum sollte er sich ihnen anvertrauen?
Sie bringen ihn um, aber Macht haben sie keine über sein Leben. Auch nicht im Tod. Es entzieht sich ihrem Zugriff – es liegt in Gottes Händen.
Und dort liegt es gut:
„In deine Hand lege ich mein Leben. Gewiss wirst du mich befreien, HERR. Du bist doch ein treuer Gott.“ (Psalm 31,6)
So geht der Psalmvers weiter, mit dem Jesus betet – er vertraut, dass sein Vater ihn erlösen wird. Jesus entzieht sich den Menschen. Er gehört ganz zu Gott.

III

Hier stehen wir und schauen auf das Kreuz. Neben uns steht der Hauptmann, der für die Hinrichtung zuständig ist.

Der römische Hauptmann sah genau, was geschah. Da lobte er Gott und sagte: »Dieser Mensch hat wirklich ganz und gar so gelebt, wie Gott es will.«
(Lukas 23,47 - Basisbibel)

Der Hauptmann verfolgt von Amts wegen die Hinrichtung. Er ist beeindruckt.
Vielleicht von der Würde, mit der Jesus stirbt.
Er trägt den Schmerz, den er tragen muss. Er flieht nicht in die Verzweiflung oder in den Spott. Er hält dem Leiden stand.

Vielleicht möchte der Hauptmann auch so sterben: Erhobenen Hauptes, mit einer Würde, die auch im Tod unantastbar bleibt.
Vielleicht beeindruckt ihn auch das Vertrauen, mit dem der Mann am Kreuz sein Leben in die Hände seines Gottes legt. Vater sagt er zu diesem Gott.
Es ist nicht der Gott des Hauptmanns. Dennoch erkennt der Hauptmann die enge Beziehung, die den Mann mit seinem Gott verbindet.
Und: Der dort stirbt ist ein Gerechter, ein Rechtschaffener, einer, der Gott gefällt. Am Kreuz geht einer in den Tod, der ein Mensch nach Gottes Willen ist.

Das lebt Jesus auch noch im Sterben. Kein böses Wort, kein Hass gegen die Menschen, die ihn hinrichten. Kein Verfluchen, kein Abwenden von Gott, der nicht einschreitet.
Stattdessen zwei Worte voller Vertrauen und Liebe: „
Vater, in deine Hände gebe ich mein Leben.“ Und: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.
Jesus gibt sich der Liebe hin. Er gibt sich in die Hände Gottes. Er vertraut ihm, dass er ihn erlösen wird.
Er gibt sich in die Hände der Menschen, dass sie mit ihm machen, wovon sie nicht wissen, was sie da tun.

IV

Hier stehen wir und schauen auf das Kreuz. Wir stehen inmitten von vielen Menschen auf dem Schädelberg.

Es war auch eine große Menge Schaulustiger dorthin geströmt. Als die sahen, was da geschah, schlugen sie sich auf die Brust und gingen betroffen in die Stadt zurück.
(Lukas 23,48 - Basisbibel)

Am Ende erkennen die Menschen doch, was sie tun. Am Ende erkennen sie doch die Liebe, die sie am Kreuz hinrichten.

Am Anfang stehen sie jubelnd am Straßenrand, außer sich vor Freude, dass Jesus kommt. Jetzt wird alles anders.
Dann wird alles anders – die Freude verwandelt sich in Hass. In den Hass, den sie schon so lange in sich tragen. Gegen die Römer, die das Leben bestimmen. Gegen die Priester, die den Glauben regeln.
Jesus sollte sie von dem Hass befreien, indem er die Römer verjagt, die Priester entmachtet. Er tut es nicht. Also trifft ihn der Hass.
Der Hass hat sie mit sich fortgerissen. Aber jetzt hat er sie an Land gespült. Und sie erkennen es: Ihren Hass und was er angerichtet hat.
So schlagen sie sich an die Brust. Ja, es ist ihre Schuld, dass Jesus am Kreuz hängt und qualvoll gestorben ist. Sie haben ihn ans Kreuz gebracht. Ihr Hass hat ihn getötet.
Sie kehren um, eine Frage im Nacken, auf die sie keine Antwort wissen: Wer wird ihnen diese Schuld vergeben?

V

Wir bleiben hier stehen und sehen auf das Kreuz: Es zeigt uns den Hass der Menschen. Aber vielleicht zeigt es uns auch die Liebe.

Das Kreuz ist ein Zeichen, das uns erschrecken lässt: Dazu ist der Hass des Menschen fähig.
Er macht vor dem Gerechten nicht Halt. Er gilt gerade dem, der so lebt, wie wir uns Leben wünschen: Voller Vertrauen zu Gott. Voller Zuwendung zu den Menschen.
Der Hass gilt gerade ihm, weil er uns sehen macht: Wir sind nicht, wie wir sein sollten und auch sein wollten.
Doch wenn er tot ist, dann stirbt auch unser schlechtes Gewissen. Wenn Gott tot ist, dann stirbt auch die Sehnsucht nach Liebe.
Dabei wird gerade in diesem Tod die Liebe sichtbar: Sie nimmt den Hass auf sich. Sie erduldet ihn. Da ist kein Zorn, kein Gericht, keine Strafe.
Da ist nur ohnmächtige Liebe, die mit sich machen lässt, was der Hass mit ihr tun will. Die Liebe setzt sich dem Hass aus – in der Hoffnung, dass der Hass über sich selber erschrickt und die Marterwerkzeuge fallen lässt.
Der Hass tut es nicht. Jesus stirbt am Kreuz. Der Hass siegt über die Liebe.
Erst als die Liebe tot ist, erkennt der Hass, was er getan hat und schlägt sich an die Brust.
Zu spät, sagt der Karfreitag. Gerade noch rechtzeitig, sagt der Ostersonntag. Liebe ist stärker als Hass und Tod zusammen.

VI

Doch der Ostersonntag ist noch fern. Jetzt ist Karfreitag. Hier stehen wir und schauen auf das Kreuz. Und wir sehen auch die, die zu Jesus gehören.

In einiger Entfernung standen die beieinander, die Jesus kannten. Unter ihnen waren die Frauen, die Jesus gefolgt waren, seit er in Galiläa wirkte. Auch sie sahen alles mit an.
(Lukas 23,49 - Basisbibel)

Sie stehen da und sehen von weitem zu, die Frauen und Männer, die Jesus auf seiner Wanderung begleitet haben.
Sie haben sich entfernt von Jesus. Räumlich und innerlich. Sie sind nur noch solche, die Jesus von irgendwoher irgendwie kennen. Haben sie noch etwas mit ihm zu tun?

Mit dem Tod Jesu sind auch alle Gefühle in ihnen gestorben. Keine Angst, die Beine zu schwer zum Fortlaufen. Keine Trauer, die Herzen zu schwer zum Weinen. Der Kopf ist leer. Der Schock lähmt das Denken und Fühlen und Handeln.
W
ie wird es sein, wenn die Schockstarre weicht? Wie werden sie dann das Kreuz sehen? Wie werden sie dann davon erzählen? Um zu verstehen, was sie nicht verstehen können: Dass Jesus am Kreuz stirbt.

Aber vielleicht ist das auch angemessen: Von Ferne auf das Kreuz zu schauen. Auf den, der dort stirbt.
Auf Jesus, der die Liebe säte und Hass erntete. Auf Gottes Sohn, der das Leben wollte und den Tod bekam.
Vielleicht ist das angemessen: Einfach das Kreuz zu sehen und die Geschichte von diesem Jesus am Kreuz zu hören.
Ohne erschöpfende Antworten. Ohne umfassende Erklärungen. Schweigend. In Ehrfurcht vor dem Haupt voll Blut und Wunden.

Herr, stärke uns, dein Leiden zu bedenken. Amen.